MEIN RADREISE-BLOG

Hier ist der Platz, an dem ich meine Erlebnisse und meine Gedanken niederschreibe. Es ist für mich die größte Ehre, wenn du es liest und einen Kommentar hinterlässt. Und natürlich freue ich mich sehr über eine Spende für die kurzweilige Unterhaltung. Danke!

 

Anlegen und Versöhnen

Schon seit Tagen verspüre ich Schreibdrang, aber ich brauche dafür immer ein bisschen Ruhe am Stück und ein adäquates Setting. Letzteres gibt es sehr oft nicht. Ich bin nicht der Typ, der gerne im Schneidersitz in seinem Zelt in die Tastatur kloppt. Ich sitze gerne aufrecht und nehme die Denkerpose ein. Nicht zuletzt, weil ich drüber nachdenke, was für einen Blog ich überhaupt füttern will. Es gibt diese klassischen Reiseblogs, die sich um spannende Destinationen drehen, oder Fahrradreise-Blogs, die von einzigartigen Erlebnissen individueller Reisen berichten. Das möchte ich nicht. Ich möchte zeigen, was mit meiner Person, meinen Gedanken, meinen Gefühlen passiert, während ich mich tagtäglich mit der Welt anlege, um mich am selbigen wieder mit ihr zu versöhnen. Da kommt es nicht darauf an wo das passiert, oder wieviel Kilometer ich an dem speziellen Tag gefahren bin, wie nett die Leute zu mir waren und welche Servicemängel ich zu beklagen habe.


Heute ist Freitag und ich bin seit meinem letzten Stop im serbischen Sombor den fünften Tag in Folge unterwegs. Aufgewacht bin ich mit starken Gefühlen und Gedanken an zu Hause. An meine Lieblingsmenschin und andere Freunde und Freundinnen und natürlich meine Hunde. Mir wurde heute bewusst, dass ich schon einige Zeit unterwegs bin und auch noch mehr als diese Zeit unterwegs sein werde. Die erste Reaktion neben dem allmorgendlichen Anruf zu Hause war Fahrradfahren. Schneller fahren, damit ich nicht alles so lange vermissen muss. Dass das eine Einbahnstraße ist, habe ich nach wenigen Kilometern gemerkt. Als würde die Welt es wissen, wurde ich bei ziemlicher Hitze mit reichlich Gegenwind bedacht. Ich kann vor meinen Problemen und unangenehmen Gefühlen nicht davonfahren. Ich entschied mich dem zu stellen und es einfach mal auszuhalten. Es dauert noch lange. Und nur weil ich jetzt davonfahre, wird es nicht besser. Ich gebe mir selbst die Chance zu lernen, damit zurecht zu kommen, indem ich mich dem aussetze. Nach 15 Kilometern entdeckte ich dann ein kleines Guesthouse an der Donau. Hier liege ich nun im Bett und tippe. Soviel zum Setting. Unten im Aufenthaltsraum liegt Stefan, der Besitzer, und schnarcht betrunken vom ganzen Sljivovic den wir eben hatten.



Aber seit dem letzten Blogbeitrag und damit seit Tschechien ist eine ganze Menge passiert. Ich habe nicht nur Tschechien durchquert, sondern habe Österreich gestriffen, die Slowakei durchglitten, Ungarn erobert und bin in meinem Herzensland Serbien ebenfalls bereits einige hundert Kilometer geradelt. Fast 1800km habe ich schon auf meiner Fahrradreise-Uhr. Ich bin stolz auf mich und kann es manchmal garnicht glauben, dass ich diese Strecke mit dem Fahrrad gefahren bin. Das krasseste ist, dass ich vor zwei Wochen noch in Bratislava war. Und vor ungefähr 18 Tagen war ich noch in Tschechien. Es ist so viel passiert in dieser Zeit. Nicht nur äußerlich, auch innerlich. Es ist schwer zu begreifen. Ich hatte das Gefühl, hier viel zu lange nichts mehr geschrieben zu haben, dabei habe ich meinen angedachten Zwei-Wochen-Rhythmus ziemlich gut eingehalten und es selbst nicht mitbekommen. Es ist eben noch garnicht so viel Zeit vergangen.


Ich sitze jetzt übrigens doch draußen. Ist schöner. Schnarcht auch keiner.

Also nun. Die letzten Tage in Tschechien waren bergig. Mein Herzschlag war wie eine Bass-Drum unterm Fahrradhelm spürbar. Ich stoße gelegentlich an meine Grenzen. Physisch ist bestimmt manchmal noch was drin, aber ich kämpfe gegen meine Wut. Es macht mich tierisch sauer, wenn es die ganze Zeit entgegen der Richtung geht, die ich eigentlich präferiere und ich bin konstant am fluchen. Meist rhythmisch im Takt mit der Tretbewegung. Und dann denke ich mir immer, dass ich mir dieses Abenteuer selbst ausgedacht habe, mit dem Wissen, dass es mich an eben diese mentalen Grenzen bringt. Ich versuche mich während ich innerlich koche, zu beruhigen. Es ist ok, dass ich es ätzend finde, mich tagelang die Berge hochzuschrauben. Aber ich glaube auch an das Danach. Das befriedigende Gefühl, es geschafft zu haben. Nicht nur die Höhenmeter weggeprügelt zu haben, sondern auch die psychische Herausforderung gemeistert zu haben, immer und immer wieder gegenan zu kämpfen, um irgendwann nicht mehr zu kämpfen, sondern mit Stieraugen den höchsten Punkt zu fixieren und durchzuhalten. Mit leerem Kopf und immer entspannterer Grundhaltung. Mittlerweile singe ich sogar, wenn ich mal wieder im ersten Gang eine absurde Steigung emporfahre, die ich mir ja eben selbst auferlegt habe. So fühlt es sich wohl auch im „echten“ Leben an, wenn man ein Ziel erreichen will. Nur mit anderen Herausforderungen – aber es geht ums Durchhalten.

Ich war noch einmal eingeladen bei Bea und Tomas in Trebic. Ziemlich dankbar bin ich für den Einblick in eine tschechische Familie, das leckere Essen, die Bierverkostung in der lokalen Brauerei und die herzliche Gastfreundschaft. Schließlich haben wir auch das Schlafzimmer geteilt. Nach zwei entspannenden Tagen der Reinigung (Ich und Fahrrad) und des Trocknens (Ich und meine Klamotten) bin ich dann aufgebrochen in Richtung Bratislava.




An der tschechisch-österreichischen Grenze habe ich noch Diego und Jan kennengelernt. Jan ist ein beeindruckender Mensch. Als junger Mann vier Jahre zu Fuß um die Welt gewandert und zahlreiche andere tolle Erfahrungen später, arbeitet er jetzt weltweit als Tour-Guide im Survival- und Outdoor-Bereich. Wir haben den ganzen Abend philosophiert und ich empfinde es immer als absolut bereichernd, die Weltsicht von weit und viel gereisten Menschen zu erfahren. Es ergibt sich immer ein viel kompletteres Bild, wenn man viele Kulturen, Belange und Interessen kennt. Den werde ich nicht vergessen. Aber auch mit Diego konnte ich gut lachen. Die beiden sind Freunde und sehen sich viel zu selten, wie sie von sich behaupten. Mit ordentlich Abschieds-Wehmut gegenüber meiner Zeit in Tschechien, überquere ich die Grenze zu Österreich und fahre dort nach ca. 25km auch wieder raus in die Slowakei. Abschließend möchte ich noch ein Lob für Tschechiens Fahrradwege dalassen. Es gab zwar nicht immer welche, aber die Beschilderung ist ausgezeichnet und es ließ sich bis auf wenige Kilometer insgesamt wunderbar fahren. Mein Autobahn-Fail mal aussen vor. Wie ich auf der Autobahn gelandet bin, kann ich bis heute nicht nachvollziehen. Aber es war auch eine Erfahrung.

Bratislava. Eine Stadt, in der ich mich richtig wohlgefühlt habe. Eine autofreie Altstadt macht eben sehr viel aus. In dieser Zeit stolpere ich über einen facebook-Post: „Wenn du etwas verbieten könntest, was wäre es?“ - spontan denke ich an Autos.



Wenn man nicht gerade selber drinsitzt, dann sind es einfach extrem laute, stinkende und platzeinnehmende Maschinen, die unser Leben nachhaltig beeinflussen. Das Schlimme an Autos sind nicht die Autos an sich, sondern die Menschen, die für sich in Anspruch nehmen, jeweils mindestens eines besitzen zu wollen. Bei allem was jetzt kommt, will ich mich garnicht herausnehmen. Ich habe auch ein großes, stinkendes Auto. Autos sind praktisch, befördern sie uns doch über weite Strecken in kurzer Zeit und wir können Dinge mit ihnen transportieren. Für einige sind sie auch ein Status-Symbol oder haben nostalgische Bedeutung. Alles in Ordnung in meinen Augen. Aber der Mensch kann nicht weggeben, was er einmal besitzt und verschließt die Augen gern, wenn es offensichtlich zu viel ist. Und es ist mir persönlich eindeutig zu viel. Wir machen überall Platz für Autos und nehmen uns und allen anderen Lebewesen Lebensqualität. Und wenn es dann nicht schnell genug vorangeht wird man sauer. Obwohl und weil man in einem Kasten sitzt der dreimal so breit und lang ist, wie man selbst. Ich frage mich, warum wir ausgerechnet als Autofahrer:innen immer schimpfen und einen zuviel kriegen, wenn es hinterm Steuer mal wieder nicht so läuft. Das liegt meiner Meinung nach daran, dass man trotz Gaspedal de facto immer noch in einem Käfig sitzt, der nur vorankommt, wenn die anderen sich auch bewegen. Und diese Abhängigkeit steht im Konflikt mit der vermeintlichen Freiheit, die einem in Verbindung mit dem Auto immer suggeriert wird. Und das alles, während man als Fußgänger:in oder Fahrradfahrer:in fröhlich pfeifend frei beweglich ist, solange man nicht an der Ampel steht, um einem Auto den Vortritt zu lassen.

Meine Reise dreht sich je weiter ich in den Südosten vordringe, immer mehr um Autos und LKW. Wo fahre ich lang, damit ich nicht den ganzen Tag Staub einatme und am Straßenrand um mein Leben fürchten muss. Alles brandaktuelle Fragen, die gerade hier in Serbien mehr als bedeutsam sind. Wenn ich in Deutschland bin, werde ich auch wieder Auto fahren, aber vielleicht etwas bewusster als vorher. Das Tempo in meinem Leben hat sich nämlich der Situation entsprechend verlangsamt. Ich genieße es, zügig voranzukommen, aber trotzdem alles mitzubekommen, was um mich herum passiert. Wir entscheiden selbst über unser Tempo und können festlegen, ob es schnell oder langsam sein soll und wann wir das Tempo anpassen wollen. Außer wenn wir im Auto sitzen. Dann können wir entscheiden illegal zu schnell zu fahren, oder den Verkehr zu behindern, was auch immer das heißt. Es ist vorgeschrieben, wann es schnell oder langsam vorangeht. Und das ist gegen die menschliche Natur. Auch deshalb werden wir stinksauer, wenn wir hinterm Steuer sitzen. Wenn mich die Autos anhupen, weil es ihnen nicht schnell genug geht, dann ist das jedenfalls nicht mein Problem. Macht alle wie ihr wollt, ich mach das auch. Ein Satz den besonders meine Nachbarn zu Hause lieben würden, aber das führt jetzt zu weit. Es ging um Bratislava, oder? Naja, es war schön. Ich würde da sogar nochmal hinfahren. Manchmal bringt einen eben auch das Nichtvorhandensein von Dingen zum ausgiebigen Lamentieren darüber. In diesem Falle sind es die Autos.

Weiter ging es mit steilem Rückenwind entlang der Donau Richtung Budapest. Das hat nur drei Tage gedauert soweit ich mich erinnere und es ist wie gesagt noch nicht mal zwei Wochen her, dass ich in Budapest eingerollt bin. Meine Wahrnehmung von Zeit ist völlig anders als zu Hause. Man kann so viel erleben wenn man will. Das ist zauberhaft.



Und neben des großen Vertrauens, welches mir meine Warmshower-Hosts Virag und Vazul entgegenbrachten, indem ich ohne vorheriges Kennenlernen und während ihrer Abwesenheit, in deren Appartement wohnen durfte, gab es auch eine zweite Premiere. Als ich nach langem Gegurke endlich meinen Weg aus Budapest heraus gefunden habe und dabei aus Versehen auf der anderen Donauseite gelandet bin, hielt ich bei einem Kiosk an, kaufte mir eine Cola und suchte hinterm Gebäude Schatten. Dort saßen drei Fahrradreisende. Sophie, Yanik und Marek. Alle drei aus Deutschland auf dem Weg nach Istanbul und Griechenland. Wir entschieden gemeinsam zu fahren und gemeinsam zu campen. Als wir losfuhren hielt an eben jenem Kiosk noch Lars an. Die drei kannten ihn schon. Lars will wie ich auch nach Georgien, allerdings über Rumänien. Egal. Aber so verbrachten wir gemeinsam in vier Zelten eine Nacht an der Donau und hatten einen schönen Abend. Bis heute sind wir in Kontakt und halten uns gelegentlich auf dem Laufenden, wo wir uns gerade befinden. Ich bin jedenfalls letzter. Die Zeit, die ich mir fürs Bloggen, Vloggen und Postkartentum nehme, haben die anderen eben zum Radeln.


Aber ich genieße diese Tage. Wie heute hier (mittlerweile) am Donauufer zu sitzen, meine Gedanken und meine bisherige Reise zu reflektieren und so nicht nur meinen Körper, sondern auch meinen Geist zu erfrischen. Die Mülltonne im Kopf mal auszuleeren und einen neuen Beutel hineinzutun. Für die nächsten Erlebnisse. Danke bis hierhin.


Ich - an einem Donauufer in Ungarn

 

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