MEIN RADREISE-BLOG

Hier ist der Platz, an dem ich meine Erlebnisse und meine Gedanken niederschreibe. Es ist für mich die größte Ehre, wenn du es liest und einen Kommentar hinterlässt. Und natürlich freue ich mich sehr über eine Spende für die kurzweilige Unterhaltung. Danke!

 

Komprimierte Konfrontation

Nach einer entspannten Nacht mit viel Umpackerei bei meinen Fahrradaufpassern, bin ich doch recht vorsichtig und respektvoll wieder auf das Fahrrad gestiegen. Ich wollte es langsam angehen lassen. Doch meine Stirnfalten verschwanden wenige hundert Meter nach meinem Aufbruch. Ein anderer Fahrradfahrer kam von links hinten angerauscht und bremste neben mir ab. Wir fuhren circa zwei Kilometer zusammen und er erzählte mir von seinem Trip nach Istanbul. Allerdings hatte er kaum was dabei und fror sich einen ab, weil er im November gestartet ist. Es war schön, Geschichten auszutauschen und als wir uns verabschiedeten, hatte ich mein Lachen wieder. Manchmal passieren die richtigen Dinge im richtigen Moment. Wenn ich recht drüber nachdenke, dann passieren sie ziemlich oft. Es fügt sich alles auf eine angenehme Art und Weise. Morgens weiß ich nicht, wo ich abends lande. Außer ich plane eine Ruhepause in einer Unterkunft. Dann weiß ich es. Was mir morgens von meinen drei Eckpfeilern der zu organisierenden Dinge (Essen, Wasser, Schlafen) noch Sorgen bereitet, ist abends meist nichtig und erledigt.


Weiter ging es nach Roudnice nad Labem. 48Km waren es für den ersten Tag. Für sechs Taler habe ich mich als einziger Zeltgast auf einer Campingwiese niedergelassen, um am nächsten Tag wieder alles ganz entspannt anzugehen. Treiben lassen war die Devise. Kein Stress. Alle zehn Kilometer eine Pause. Genug Trinken und immer wieder kleine Happen essen. Ich habe mir angewöhnt abends viel zu kochen und den Rest für den nächsten Tag zu konservieren. Das klappt gut. Auch meine Kanne Tee wird jeden Morgen frisch zubereitet. Da ist schon ein bisschen Routine eingekehrt.

Auch sehr angenehm ist, dass ich mich nicht mehr umziehen muss. Wenn ich duschen gehe, dann wechsel ich vielleicht mal die Unterhose, aber ansonsten bleibt alles beim Alten. Ich stinke irgendwie nicht. Ein bisschen vielleicht. Wenn ich irgendwo reingehe, dann bemerke ich schon einen leichten Unterschied zu anderen frisch gewaschenen, aber was soll´s. Ich bin auf Fahrradreise.

Da sind ein paar Dinge einfach anders. Das mit dem stressfreien Radeln hat die ersten 33km ganz gut geklappt. Dann bin ich einfach weitergefahren und habe aus Versehen 20km ohne Stopp gemacht.



Dann stand da ein Schild nach Prag – noch 33km. Kurz habe ich überlegt durchzufahren, aber mich dann entschieden, ab jetzt die Fühler nach einem versteckten Platz auszustrecken.

Hat nicht geklappt. Alles voller Touristen. Rechts die Elbe, links die Berge. Hier kann man sich nicht verstecken.




Also fuhr ich weiter, bis ich 3km vor Prag einen Caravan-Stellplatz gefunden habe. Alle hatten sie ihre Waschmaschinen dabei. Das war etwas merkwürdig, aber was geht mich das an.

Am Ende des Tages habe ich meine Prinzipien leicht umgangen und hatte 83km auf dem Tacho. Zelt aufbauen, essen, schlafen, aufstehen, DUSCHEN!, essen, weiterfahren. Bis auf das Duschen, ist das mein neues Leben.

Keine Unterkunft in Prag war bezahlbar, alle Hostels ausgebucht, das einzige freie Bett im 5-er Schlafsaal lag bei 70 €. Kein Interesse. Ich hab jetzt schon einen zuviel, bevor ich überhaupt im Zentrum war. Dort angekommen war das Ufer voller Touristen und mir verging dann doch recht schnell die Lust hier anzuhalten. Ich bin einfach weitergefahren. Bis ich in einem Außenbezirk links abbiegen musste. Da hab ich schnell noch bei den Vietnamesen ein bisschen vermeintlich frisches Gemüse und Grundnahrungsmittel eingekauft und dann raus aus der Stadt. Ein schönes Gefühl.



Ich habe mich erinnert. Prag 2019. Hier beginnen die Berge und es geht jetzt erstmal viele Kilometer lang bergauf. Kleine Brötchen backen. Ich habe mir einen Ort rausgesucht, der 25km Fahrt bedeutete. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich meine glatte Stirn wiederhatte. Aber als ich weite Rapsfelder erblickte, durch die sich mein Weg schlängelte, war ich wieder beruhigt.

Obwohl es bergauf ging. Wenn ich mich damit arrangiere, dass es bergauf einfach langsam geht, dann kann ich mich auch im ersten Gang mit 3km/h sehr gut entspannen. Das ist die Geduld, die mir im echten Leben fehlt. Auf Radreise habe ich keine Option, außer den Berg zu bezwingen. So lange es auch dauert und so anstrengend es auch ist. Im echten Leben kann ich etwas Anstrengendes auch mal beiseite packen und sagen: „Hat nicht geklappt“, oder „Das wird doch eh nichts“.

Mir fällt auf, wie leichtfertig ich das manchmal tue.

Ich war mir noch nicht sicher, ob ich die geplanten zwei Pausentage, die ich für Prag angedacht hatte, vielleicht an einem anderen Ort zelebrieren sollte und habe mir eine Schmerzgrenze gesetzt, was meine Ausgaben für eine Übernachtung betrifft. In einer Pension am Straßenrand habe ich gefragt. Mit Google Translator haben wir kommuniziert und es stellte sich heraus, dass meine Schmerzgrenze hier bei weitem überschritten wird. Ich fragte die netten Damen nach einem Platz für mein Zelt und sie meinten, es gäbe eine Schutzhütte. 17Km müsste ich noch fahren. Ich dachte, dass ich das nicht schaffe. Es ging ununterbrochen bergauf. Mittlerweile war ich auf 460m.



Frustriert fuhr ich los.

Ich habe mittlerweile meinen Fahrradhelm auf, weil ich auf der Bundesstraße fahre und ständig von LKW überholt werde. Nach hundert Metern ging es unglaublicherweise bergab – satte 12km, die ich in 30min erledigt hatte. Die letzten 5km war es flach. Nach etwas mehr als einer dreiviertel Stunde, war ich an der Schutzhütte. Sie war keine Schutzhütte, sondern ein massiv befeierter Campingplatz. Jetzt wird mir klar, warum ich den ganzen Tag als Hexen verkleidete Kinder gesehen habe. Es scheint ein besonderer Tag in Tschechien zu sein. Ich holte mir ein Bier für einen Euro und checkte ein. Zelten für einen Euro. Perfekt. Es brannten mehrere Feuer, es gab (wenn auch schreckliche) Musik und die Leute waren gut drauf. Die Sonne schien, die Landschaft war schön und ich war happy. Noch mehr als ich Bea und Tomas, Jarda und seine Freundin, deren Namen ich vergessen habe, traf. Sie machten bei einem Wettkampf am nächsten Tag mit. Eine Art Triathlon aus Fahrradfahren, Kanu und Laufen. Dieser diente aber eher dem persönlichen Spaß, als der Befriedigung eines bestimmten Ehrgeizes. Sie luden mich ein zu Wurst am Stock und wir tranken Bier bis spät in die Nacht. Leute kennenlernen und mit Menschen reden ist wie Benzin für die Seele. Das merke ich dann, wenn ich viel alleine bin. Zum Beispiel auf dem Fahrrad.



Es ist ein wunderbares Gefühl Menschen kennenzulernen, ins Gespräch zu kommen und zusammen ein kleines bisschen Zeit zu verbringen. Es findet auf Reisen mit einer besonderen Art der Tiefe statt. Ich tue etwas, was man mir ansieht. Wenn ich an das Rumstehen vor irgendwelchen Hamburger Clubs und Kneipen denke, dann rätselt man oft, was der ein- oder andere wohl so macht und versucht halbtrunken, die Schwingungen und den Charakter wahrzunehmen, der einem da entgegen lallt. Ein Bild von einem Menschen ergibt das nicht. Es ist was anderes. Ein leichter Moment vielleicht. Jetzt ist es so, dass man mir den ganzen Tag ansieht, wie ich meine persönliche Leidenschaft lebe. Darüber ins Gespräch zu kommen, mit anderen, die es entweder fasziniert, die gastfreundlich sein wollen, die helfen wollen, oder die vielleicht gerade die gleiche Leidenschaft teilen, ist so erfüllend. Wir sprechen nicht über die Arbeit, oder womit wir unser Geld verdienen, wie gefährlich die Welt ist und was mit der Politik los ist. Es geht um das Hier und Jetzt, die Schönheit der Welt, Reiseerfahrungen, Gefühle, Kulturen und Sprache und dass man sich gegenseitig das Beste der Welt wünscht für das, was vor einem liegt. Und es geht fast garnicht mehr darum, was andere machen. Dafür ist das eigene Leben gerade zu aufregend.


Lange habe ich geträumt von einer solchen Reise. Lange habe ich mir Gedanken gemacht, wie ich das machen will. Mit welchem Fahrrad und was ich alles dafür brauche. Der Traum ist immer anders als die Realität. Das wusste ich auch schon vorher. Im Traum male ich mir die angenehmen Dinge aus, die mit dem Vorhaben verbunden sind. Ein paar Ängste lasse ich vielleicht mal zu, aber ich romantisiere stark und sehe mich als Abenteurer durch die Lande radeln, von der Sehnsucht getrieben. Ich würde den Traum nicht als Quatsch darstellen, schließlich ist er die Ursache für die Dinge, die darauf folgen. Aber jeder kennt sie, die eigene Realität, vor der man nicht und niemals davonlaufen kann. Mit dieser bin ich auch losgefahren. Und sie fährt auch jetzt mit. Dinge sind unbequem und die Erlebnisse, die mir zuteil werden, stellen mich vor die gleichen Probleme, wie mich Probleme zu Hause auch in den Konflikt oder die Auseinandersetzung mit mir selbst bringen.

Egal wo ich bin und was ich tue, ich bin immer derselbe Mensch. Jetzt bekomme ich die Möglichkeit, tagtäglich meine Komfortzone zu verlassen, bis das Verlassen dieser wiederum zum Komfort wird. Ich sehe es als Chance mich komprimiert zu konfrontieren. Mit mir selbst in dieser Welt.


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