MEIN RADREISE-BLOG

Hier ist der Platz, an dem ich meine Erlebnisse und meine Gedanken niederschreibe. Es ist für mich die größte Ehre, wenn du es liest und einen Kommentar hinterlässt. Und natürlich freue ich mich sehr über eine Spende für die kurzweilige Unterhaltung. Danke!

 

Niemals nur einer

Mein letzter Blogartikel ist irgendwo hinter Budapest geendet, weshalb ich da auch ansetzen möchte. Auch wenn ich gerade schon wieder ganz woanders sitze. Ich bin immer wieder erstaunt, wie sich das Zeitgefühl verändert, wenn man so viel Neues erlebt. Dabei geht es nicht nur um Dinge, Menschen und Landschaften, sondern auch um das, was man während einer Fahrradreise in sich selbst entdeckt und an langen Fahrradtagen so mit sich selbst bespricht. Selbstgespräche sind ab und zu an der Tagesordnung, wenn die Gedankenmühle zu lange mahlt. Dinge zu Ende denken ist schön, aber man kann Dinge auch über das Ziel hinaus denken. Dann ist es allerhöchste Zeit, diese Dinge einfach auszusprechen. Auch wenn niemand da ist und die Worte im Wind verschwinden.



Kurz hinter Budapest, nach der Begegnung mit den anderen Fahrradfahrern, wird mir klar warum mir federleicht ums Herz wurde, als wir gemeinsam gefahren sind. Es ist so schön und so wichtig Erlebnisse zu teilen und Menschen zu haben, die die eigenen Gedanken reflektieren und einem sagen, dass man sich beruhigen kann, wenn man mal wieder zu viel nachgedacht hat. Menschen, die einem auch in einer beschissenen Situation das Gefühl geben, das alles in Ordnung ist und man da irgendwie durchkommt. Oder, dass man selber mal derjenige sein kann, der seine Ängste, Befürchtungen und Gedanken hinten anstellt, um jemandem positiv zuzureden und Kraft zu geben. Das hat mir sehr gefehlt und ich stelle wieder einmal mehr fest, dass in mir auch das Gegenteil von dem Menschen wohnt, der ich immer dachte zu sein. Ich bin gerne unter Menschen und sehne mich nach Begegnungen. Ich unterhalte mich gern und teile meine Gefühle, Erfahrungen und Gedanken mit anderen und oft ist es das Schönste für mich. Ich liebe ja nicht ohne Grund die Bühne und die Kamera. Ich bin gerne der Entertainer und präsentiere nichts lieber als mich selbst. Bisher dachte ich immer, es gibt nichts schöneres als alleine zu sein. Niemand um mich, der mich nervt und Dinge von mir will. Langsam verstehe ich, dass das nur ein Teil von mir ist. Der hat seine Begründung, seinen Ursprung, ist definitiv mit mir und braucht regelmäßig seinen Raum. Am Ende aber geht es um den gegenseitigen Ausgleich dieser beiden Anteile. Ich bin niemals nur einer. Diese Erkenntnis ist ein Zugewinn und wieder bin ich ein Stück reicher.



Zu dieser Erfahrung gehörte auch die Erkenntnis am nächsten Morgen, dass ich wieder alleine weiterfahren möchte. Mein eigenes Tempo und meine Unabhängigkeit sind mir ebenso wichtig und ich kann diese Dinge am besten leben, wenn ich nicht unter Anderen bin. Aber seit der gemeinsamen Wildcamping-Nacht am Donauufer, sind die Menschen stets in Gedanken bei mir und ich fahre ihnen irgendwie so ganz subtil hinterher oder vorweg. Ab und zu mal eine SMS mit einem Status-Update. Ich bin irgendwie nicht mehr alleine auf dem Trail. Dennoch zieht es mich wie ein Magnet nach Serbien. Ich kann es kaum erwarten. In Serbien liegt ein Stück meiner Vergangenheit und ich bin neugierig herauszufinden, ob es damals einfach schön war hier zu sein, oder ich mich nachhaltig in dieses Land verliebt hatte. Mein alter Reisepass hat zahlreiche Ein- und Ausreisestempel dieses Landes. Eine alte Beziehung hatte mich vor vielen Jahren mit diesem Land verbunden. Ich habe noch Bruchstücke serbischer Sprache in meinem Kopf und freute mich drauf, diese zu benutzen.

Sprache ist der Schlüssel zu den Menschen. Das habe ich auf dieser Reise immer wieder festgestellt. Ein „Guten Tag“ in Landessprache beeindruckt die Leute und ermöglicht ihnen ein Stück auf mich zuzukommen. Auf Englisch kann man sich meist auch verständigen, aber es bleibt dadurch distanziert. Einige sind dann sogar verunsichert und ignorieren mich, weil sie vermutlich kein Englisch können und sich nicht dieser unbequemen Situation aussetzen wollen. Das ist ähnlich wie mit dem Geld. Ich reise mit meinem Fahrrad ziemlich blauäugig mit meiner EC-Karte von Land zu Land und mein Portemonnaie beinhaltet mittlerweile Euros, tschechische Kronen und ungarische Forint. In Serbien erwartet mich der Dinar und ich denke mir manchmal wie unpraktisch es ist, immer daran zu denken, sich rechtzeitig mit Geld der neuen Währung auszustatten. Ich frage mich, inwiefern die eigene Währung auch Teil der kulturellen Identität einer Nation ist und wie es sich anfühlt, wenn man diese durch eine Einheitswährung ersetzt. Ich selbst war 21 als der Euro in Deutschland eingeführt wurde. Ich kann mich nur noch erinnern, wie alle sich beschwerten, dass nun alles doppelt so teuer sei. Aber ich glaube gravierend war es für mich persönlich nicht. Ich befand mich aber auch in den Nachwehen meiner Spätpubertät und mir war sowieso alles egal.

Die letzten Tage in Ungarn jedenfalls waren schön. Ich habe versucht noch ein paar ungarische Speisen abzubekommen und bin an einem Fischrestaurant gelandet. Das war jetzt nicht superklasse, aber herzlich. Nach dem Essen habe ich mich einfach auf die Dorfwiese gestellt und mir vorher das OK der Restaurantinhaberin abgeholt. Ich habe das Gefühl, man muss sich hier beim Wildcampen nirgends verstecken. Die Bedenken, dass man alles zumüllt und heimlich an den Strand scheißt, teilt man hier nicht. Es ist in Ungarn einiges zugemüllt und irgendwo weht auch Toilettenpapier in den Hecken, aber das würde es auch ohne dass es Wildcampern bedarf. Ganz im Gegenteil. Ich habe den Eindruck, dass die Leute sich freuen, wenn sie dir einen Platz in ihrer Nähe empfehlen können und sie sich über Gäste freuen. Und als Fahrradtourist mit Zelt ist denen auch klar, dass ich einen respektvollen Umgang mit der Natur pflege und meinen Müll wieder mitnehme. Sofern sie sich da überhaupt Gedanken drum machen. Jedenfalls freue ich mich auf meiner Fahrradreise über Plätze in der Nähe von Menschen. Alleine kann ich den Wald oder die Abgeschiedenheit nicht wirklich genießen. Ich bin eben doch ein sehr soziales Wesen. Möglicherweise sogar mehr als manch andere Menschen. Diese Erkenntnis reift in diesen Tagen ganz extrem.



Ich folge noch ein wenig der Donau und entscheide mich in der ziemlich zauberhaften ungarischen Kleinstadt Baja abzukürzen. Ich mag keine Grenzregionen. Und die Donau ist bis jetzt meistens Grenzfluss gewesen. Ich schätze die Abkürzungen nicht nur für ihre reduzierten Kilometer, sondern auch, weil ich immer nochmal einen kleinen Abstecher ins Landesinnere machen kann. Ein paar Dörfer sehen, ein paar Menschen sehen und ein bisschen Ursprünglichkeit erleben. Nach einem ernüchternden Gespräch mit der Vodafone-Hotline und einem sinnlos dazugebuchten Paket, einem anschließenden Rückruf, um das ganze zu stornieren, ging es dann über nagelneue Fahrradwege die letzten 27km an die serbische Grenze. Mein kleiner JBL Speaker spielte serbische Folklore und mein Herz wurde weich, weil ich wusste, dass Serbien es seinen Gästen leicht macht. Ich habe die Serben immer als ein gastfreundliches und herzliches Volk erlebt. Viel Musik, viel Leidenschaft, Tanz, Bier und Schnaps, Geselligkeit und ein großes Herz. Ein Land, in dem man sich nicht einsam fühlen muss, auch wenn man alleine reist.



Der schöne, frisch asphaltierte Radweg endete natürlich an der militärisch gut bewachten serbischen Grenze und es ging wieder auf die Landstraße. Es war aber nichts los und es gab kaum Verkehr. Ich fuhr durch ein armes Serbien. Heruntergekommene Dörfer, Straßen und Häuser. Zwischendurch auch mal was heiles, mal solche und mal solche Leute. Die ersten Straßenhunde, allerdings völlig harmlos. Die lagen lieber unter Autos und im Schatten, als Fahrradfahrern hinterherzujagen. Die älteren Damen, die mit ein paar Kirschen, Sonnenblumenkernen oder Pfirsichen auf einer Bank vor ihren baufälligen Häusern saßen winkten mir zu und lächelten. Manchmal über den Typen, der bei den Temperaturen durchs serbische Ödland radelt, manchmal aus Freude, dass jemand ihr schönes Land besucht. Genauso taten es die Männer, die jedoch meist mit einer Dose Bier dasaßen und etwas länger brauchten, um zu realisieren, wer da wie vorbeifährt. Im Rückspiegel sah ich dann meistens den Daumen noch oben. All das zauberte auch ein Lächeln auf mein Gesicht und ich fühlte mich riesig wohl. Wärme ist eben nicht nur ein Temperaturbereich, sondern auch ein Gefühl. Wenn man alleine unterwegs ist, zieht man gerne rechtzeitig ein warmes Hemd an. Bevor man friert. Denn es ist nicht immer jemand da, der einen im Notfall wärmt. Hier in Serbien hat man mir das warme Hemd mit Grenzübertritt übergeworfen und es hat gepasst. Jetzt noch etwas über 20km und ich erreiche die serbische Stadt Sombor. Das dieser Ort alles ändern sollte, war mir bis dato noch nicht klar.



 

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